Forschungsbericht von Studenten der Johannes Gutenberg Universität in Mainz

Letztes Jahr hat eine Studentengruppe der Johannes Gutenberg Universität in Mainz einen Forschungsbericht zum Thema „Minderheit, Identität und Wahrnehmung: Deutschrussische Gemeinde(n) in Frankfurt“ verfasst.

Auch DJR durfte ein Teil dieser Forschung sein. Die interessanten Ergebnisse und das methodische Vorgehen finden Sie hier.

Infoblatt Wir in Hessen

Liebe FreundInnen, KollegInnen, Landsfrauen und -männer und Interessierte, anbei finden Sie die erste digitale Ausgabe des Infoblattes „Wir in Hessen“.

Dieses Infoblatt informiert über die Aktivitäten von Deutschen aus Russland in Hessen, aber auch andere russischsprachige MigrantInnen, und soll über anstehende Veranstaltungen und Weiterbildungsmöglichkeiten informieren.
Sollten Sie Ideen für die zuküftigen Artikel haben können Sie uns gerne kontaktieren. Die Redaktion freut sich über jede neue Anregung.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.

 

Email: alexandra.dornhof-idrh@gmx.de

Russlanddeutscher Schriftsteller und Dichter Heinrich Rahn



Heinrich Rahn wurde am 13.04.1943 in Sparau, im Gebiet Saporoje (Ukraine), in einer plattdeutschen Familie geboren. Seine Eltern Jakob und Anna (geb. Nickel) entstammten einer alten Landpächterfamilien. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, konnte die Familie nicht rechtzeitig evakuiert werden und kam unter deutsche Besatzung. 1944 wurde die Familie Rahn mit vielen anderen „Volksdeutschen“ per Pferdetreck nach Deutschland gebracht. Ihr Weg führte über Wartegau zu dem Ort Schrepkow, 12 Kilometer von der Elbe entfernt. Doch im November 1945 wurden sie von den Sowjets wieder nach Russland ins Kostromagebiet verschleppt.

Nach einem schrecklichen Hungersjahr, wurde der Vater für 25 Jahre ins Gefängnis geworfen. Die Mutter musste sich nur mit Hilfe ihrer alten Tante Anna um den Rest der Familie kümmern. Außer dem kleinen Heinrich wuchsen noch zwei ältere Geschwister heran: Jakob und Susanne. 1956 nach Beendigung der Kommandantur, wurde der Vater amnestiert.

Ein Jahr später zog Familie Rahn nach Kasachstan. Dort, in der Stadt Schtschutschink, Gebiet Koktschetaw, lebten sie endlich unter etwas besseren Bedingungen. Nach der Mittelschule und einer Ingenieurschule war Heinrich Rahn lange Jahre als Bauingenieur in verschieden Baukombinaten tätig. Seine Leidenschaft war jedoch die Literatur. Schon mit 19 Jahren fing er an, Gedichte zu schreiben. Doch leider gab es für ihn in der Sowjetunion keine Möglichkeit auf diesem Gebiet auch beruflich Fuß zu fassen. In seiner Freizeit nutzte Rahn jede Gelegenheit Bücher auch in deutscher Sprache zu lesen. Dies gestaltete sich immer schwierig, da deutsche Bücher schwer aufzutreiben waren. Und doch gelang es ihm, in einigen abgelegenen Dorfläden die klassischen Werke von Goethe, Schiller, Heine, Storm für einen geringen Preis zukaufen. Das Buch von Remarque „Die drei Kameraden“ hatte er sogar in einem alten Schuppen gefunden. Diese Bücher kamen aus der DDR und wurden einzeln verramscht, da fast niemand sie in deutscher Sprache lesen wollte.

Seine gesammelten deutschen Bücher nahm Heinrich Rahn mit, als er 1990 mit seiner Frau Elvira und seinen zwei Kindern Artur und Helene nach Deutschland kam. Einige Jahre später fand er eine Stelle als Bauleiter bei dem Neubau des „Biozentrums“ der Johan-Wolfgang-Goethe Universität. Danach war er einige Jahre als Bauingenieur in einem Beraterbüro in Wiesbaden tätig. Nebenbei absolvierte er mit Erfolg ein Fernstudium „Belletristik“ an der Axel Andersson Akademie, Hamburg. 2001 ging er in den Vorruhestand.

Nun konzentriert er sich ganz auf die Schriftstellerei, der er all die Jahre treu blieb. In den folgenden Jahren veröffentlichte er Gedichte, Kurzgeschichten und schrieb Romane. 1997-2003 war er Kirchenvorstandsmitglied der Evangelischen Erlösergemeinde Wiesbaden-Sauerland. Außerdem ist er Mitglied der Gesellschaft „Word“, Mitglied der National Geographic Society, der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. und des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e. V..

Nachfolgend finden Sie einige Werke von Heinrich Rahn:

Heinrich Rahn

Jahresarbeit von Marcel Isinger

„Von Nowodolinka und Freischmännern…“ – Erzählte Traditionen der Russlanddeutschen, Jahresarbeit von Marcel Isinger

Marcel Isinger wurde 1994 in Rotenburg an der Fulda geboren. Der 22-Jährige ist in der Kleinstadt Sontra in Nordhessen aufgewachsen, als Sohn einer Russlanddeutschen Familie, die 1991 nach Deutschland zurückgekehrt ist.
In der Adam-von-Trott-Schule Sontra machte er 2014 sein Abitur. Heute lebt, studiert und arbeitet er in Frankfurt am Main.
Seit Oktober 2014 studiert er Sportwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Zudem arbeitet er als selbstständiger Personal Fitness Trainer.

In seiner Jahresarbeit (2013) erzählt Marcel Isinger von den Traditionen der Russlanddeutschen. Das Interesse für die Russanddeutschegeschichte liegt in Marcels Familiengeschichte. Seine Eltern, Groß-und Urgroßeltern sind Anfang der 90er Jahre aus Kasachstan nach Deutschland übergesiedelt. Mit dem Leben in Deutschland haben sich jedoch schnell Unterschiede in den gelebten Traditionen zwischen Russlanddeutschen und Einheimischen herauskristalisiert. Aus diesem Grund hat es sich Marcel zum Ziel gesetzt sich intensiver mit den Traditionen der Russlanddeutschen auseinanderzusetzen.

Zum Volltext: Jahresarbeit_Marcel Isinger

Russlanddeutsche Organisationen im transnationalen sozialen Raum

Russlanddeutsche Organisationen im transnationalen sozialen Raum

Forschungsarbeit im Rahmen eines Seminars am Fachbereich der Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt

Die Forschungsarbeit wurde von Andrej Geldt verfasst. Ein aufstrebender junger Deutscher aus Russland.

 

Die russlanddeutsche Community steht aktuell vor allem aufgrund der ihr unterstellten politischen Orientierung im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Auch die Thematik der Identität oder des subjektiven Zugehörigkeitsgefühl wird immer wieder in Bezug auf Russlanddeutsche thematisiert.

Unabhängig von der Frage, ob sich die politische Gesinnung oder die kulturelle Identität bei solch einer großen und heterogenen Gemeinschaft generalisieren lassen, ist vor allem die organisationale Ebene der russlanddeutschen Gemeinschaft, sowie deren transnationale Reichweite kaum vertreten im öffentlichen Diskurs, so auch nicht in der wissenschaftlichen Literatur.

Im folgenden Forschungsbericht werden Fragen behandelt, wie russlanddeutsche Organisationen in Zeiten von Globalisierung agieren, welche Schwerpunkte sie bei ihrer Tätigkeit setzen, welche Rolle sie bei der Identitätsstiftung der Russlanddeutschen spielen, wie und ob diese transnational vernetzt sind und nicht zuletzt wird die Frage nach ihrer Relevanz und  auf politischer Ebene und ihre Verbindungen zur Politik im Allgemeinen erörtert. Die eben erwähnten Merkmale sind charakteristisch für einen so genannten transnationalen sozialen Raum – ein soziologisches Konzept, welches das Soziale unter Bedingungen von Migration, Globalisierung und Transnationalisierung zu fassen versucht. Dabei handelt es sich um einen sozialen Raum, welcher territorial unbestimmt ist und durch sozialen Praktiken der Gemeinschaft, durch Mobilität, Austauschprozesse und ein diffuses Zusammengehörigkeitsgefühl auf verschiedenen Ebenen prozesshaft hergestellt und ausgehandelt wird.  Dabei lautet meine Hauptfrage, ob und wenn ja, inwiefern russlanddeutsche Organisationen zur Schaffung eines solchen transnationalen sozialen Raumes beitragen.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts deuten auf eine große interne Differenzierung und Heterogenisierung innerhalb der russlanddeutschen Community hin, sowohl im Hinblick auf die organisationale Ebene, als auch hinsichtlich der Tendenzen unter den Mitgliedern dieser Gemeinschaft. Während die russlanddeutschen Organisationen sowohl in Deutschland, als auch in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion breit aufgestellt sind und ein dichtes Netz von Unterorganisationen aufgebaut haben, gibt es deutliche Unterschiede bei der Zielsetzung. Während Organisationen aus der ehemaligen Sowjetunion (in meinem Fall zwei Organisationen aus Russland) sich eher auf die Pflege der russlanddeutschen Kultur und Sprache, die Informations- und Aufklärungsarbeit, sowie die Planung von Austauschprogrammen fokussieren, konzentrieren sich Organisationen in Deutschland eher auf Themen wie nachholende Integration und Beratung von Aussiedlern, sowie um Rechtsfragen rund um den Zuzug von Spätaussiedlern. Auffällig ist dabei, dass Aufgabengebiete von Organisationen in Russland sehr breit aufgestellt sind und sich nicht ausschließlich auf den russlanddeutschen Kontext beschränken. Die Unterschiede lassen sich jedoch auch durch unterschiedliche Schwerpunkte der Community und die damit verbundenen Herausforderungen erklären.

Hinsichtlich der Schaffung einer kollektiven Identität ließen sich ebenfalls unterschiedliche Entwicklungen feststellen. Neben der Kritik an solch einem essentialistischen Begriff wie „geteilte Identität“, welche im Bericht geübt wurde, konnte die Tendenz zur Ausbildung einer so genannten „hybriden Identität“ festgestellt werden. Diese wird im Detail mit dem soziologischen Konzept der kulturellen Hybridität plausibilisiert und dadurch unterstützt. Diese Theorie betont vor allem eine parallele Koexistenz von verschiedenen kulturellen Einstellungen und die Kombination von verschiedenen ethnischen und kulturellen Zugehörigkeiten in einer Identität. Dieselbe Auffassung wird in den Interviews als eine Art Bewältigungsmechanismus für die vorangegangene Identitätskrise dargestellt, welche viele Russlanddeutsche vor allem nach der Aussiedlung erleben. Gemeint ist hierbei die Kollision des Selbstverständnisses vieler Spätaussiedler mit der Fremdwahrnehmung durch die Bundesdeutschen, welche unter anderem zu Debatten über unterschiedliche Auffassungen des „Deutschseins“ vor allem im Kontext der russlanddeutschen Gemeinschaft in der letzten Zeit geführt hat.

Parallel zur hybriden Identität konnte eine Abwendung vieler ethnischer Deutscher in Russland von der subjektiven russlanddeutschen Zugehörigkeit konstatiert werden. Bedingt durch eine immer höhere Anzahl an gemischten Ehen, den Relevanzverlust der kulturellen Güter wie der deutschen Sprache innerhalb der Gemeinschaft und eine immer stärkere Identifikation und Einbettung in der russischen Gesellschaft, entwickeln viele ethnische Deutsche in Russland ein subjektives Zugehörigkeitsgefühl, welches sich viel eher auf ihr Heimatland richtet, als auf eine mittlerweile für viele diffuse, gemeinsame, russlanddeutsche Vergangenheit. Vor allem dieser Befund macht es sehr schwer, von einer homogenen, transnationalen russlanddeutschen Community auszugehen und legt die Überlegung nahe, dass sich diese Gemeinschaft hinsichtlich ihres ethnischen Zugehörigkeitsgefühls immer weiter diversifiziert. Der Begriff einer kollektiven Identität wird in diesem Zusammenhang noch einmal auf Grund seines essentialistischen Kerns problematisiert. Was jedoch vonseiten der Organisationen festgestellt werden konnte, sind die immerwährenden Bemühungen, das Zusammengehörigkeitsgefühl der russlanddeutschen Gemeinschaft durch verschiedene Projekte und Angebote zu stärken, sowie das kulturelle Gut der Russlanddeutschen im kollektiven Bewusstsein zu halten.

Bezüglich der Transnationalisierung der Netzwerke russlanddeutscher Organisationen zeigen die Ergebnisse eine intensive Zusammenarbeit der Organisationen auch auf internationaler Ebene. Diese wird unter anderem durch gemeinsame Projekte befördert und sogar von politischer Seite finanziell unterstützt. Anzumerken ist hierbei, dass vor allem russische Organisationen sich nicht ausschließlich auf den russlanddeutschen Kontext zu begrenzen scheinen, sondern auch viele soziale Projekte oder Bildungsprojekte mit Organisationen durchführen, welche keine Berührungspunkte mit der Community haben. Dies führt zu einer Vergrößerung des transnationalen Netzwerks und einer breiter angelegten Organisationsarbeit im Allgemeinen. Dieser Befund steht im Konflikt mit Studien, die das Netzwerkverhalten von Einzelpersonen russlanddeutscher Herkunft analysiert haben. Hierbei scheinen vor allem Verbindung zu Personen aus dem unmittelbaren familiären Umfeld oder Personen der gleichen ethnischen Zugehörigkeit die dominierende Rolle zu spielen.

Wie bereits angedeutet, pflegen die untersuchten Organisationen enge Kontakte zu Vertretern aus der Politik auf kommunaler und auf höheren politischen Ebenen. Russlanddeutsche Angelegenheiten sind in Deutschland durch entsprechende Ausschüsse und Komitees sehr gut repräsentiert. Auch in Russland gab es bis vor einigen Jahren eine eigene staatliche Förderung der russlanddeutschen Minderheit, was den politischen Stellenwert dieser Volksgruppe unterstreicht. Die Organisationen selbst können jedoch durch ihre vielfältigen Kontakte und ihre breit aufgestellte Öffentlichkeitsarbeit als politische Akteure dienen, welche die Interessen der russlanddeutschen Gemeinschaft vertreten.

Alles in allem konnte anhand der oben ausgeführten Kategorien gezeigt werden, dass die untersuchten Organisationen Bedingungen für die Schaffung eines transnationalen sozialen Raumes ermöglichen, wobei in diesem Zusammenhang mögliche Hürden wie beispielsweise die fehlende Homogenität der Community und die teilweise restriktiven, bürokratischen Einreisegesetze für Spätaussiedler kritisch angemerkt wurden. Die Konzeptualisierung der russlanddeutschen Gemeinschaft als einer Gruppe, welche transnationale soziale Räume schafft, könnte darüber hinaus ein alternatives Verständnis von Integration, Migration, Kultur und Identität als Konsequenzen mit sich führen. Diese Begriffe könnten Mithilfe des vorgestellten Konzepts weniger essentialistisch sondern prozesshaft gedacht werden, was zu deren Differenzierung und Flexibilisierung beitragen würde.

Abschließend sollten die Einschränkungen des Forschungsprojektes und der dazugehörigen Ergebnisse erwähnt werden. Es handelte sich hierbei um eine geringe Anzahl an Organisationen in Deutschland und in Russland, was durch das studentische Format des Projektes bedingt ist. Zudem sollten die organisationale Ebene, die enge Formulierung der Forschungsfrage und die Auswahl der Methode beachtet werden, sodass die Ergebnisse nur unter Berücksichtigung dieser Faktoren gelten. Russlanddeutsche gehören zu einer großen Volksgruppe, welche auch in anderen Ländern als Minderheit vertreten ist. Deren Mitglieder sind, zusätzlich zu dem hier besonders betonten ethnischen Kontext, selbstverständlich vielen anderen gesellschaftlichen Einflussfaktoren unterworfen. Da insbesondere transnationale Praktiken dieser Gemeinschaft wissenschaftlich wenig untersucht sind, gäbe es hierbei zukünftig besonderen Forschungsbedarf.

Zum vollständigen Forschungsbericht in Englischer Sprache hier.

Andrej Geldt

Das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte ist da.

Das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte wurde am 09.03.2017 im August-Hermann-Francke-Gymnasium in Detmold vorgestellt und ausgiebig getestet. Das mBook RD wurde durch das Institut für digitales Lernen entwickelt und realisiert. Es richtet sich an alle interessierten Lerner, die sich im Unterricht aber auch in Vereinen oder Museen mit der wechselvollen Geschichte der Russlanddeutschen beschäftigen wollen. Das mBook RD ist ein OER-Material und kann kostenfrei genutzt werden.

In einer Pressekonferenz haben es die Staatssekretäre Dr. Thorsten Klute​ (Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen), Staatssekretär Ludwig Hecke (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen), Dr. Neufeld (ehemalige Leiterin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold) sowie Dr. Florian Sochatzy​ (Geschäftsführer des Instituts für digitales Lernen) vorgestellt. Frau Dr. Neufeld brachte dabei die Gefühle der Russlanddeutschen auf den Punkt: „Was wir uns erträumt haben, ist Wirklichkeit geworden.“

Johann Thießen, Vorstand LMDR-Hessen und stellv. Bundesvorsitzender LMDR e.V., war als Gast in einer Klasse des August-Hermann-Francke-Gymnasiums anwesend und konnte die Arbeit der Schülerinnen und Schüler mit dem mBook mitverfolgen. Die Jugendlichen haben anhand des mBooks das Thema Heimat und Identität bearbeitet. Der Umgang mit dem mBook ist ihnen sehr leicht gefallen, womöglich liegt es daran, dass die jüngere Generation mit der modernen Technik und den damit verbundenen Möglichkeit aufwächst. Interessanterweise waren ca. 70% der anwesenden Schülerinnen und Schüler Nachkommen der Deutschen aus Russland.

Die digital-multimediale Unterrichtshilfe arbeitet Geschichte und Identität der Russlanddeutschen sowie das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland in Vergangenheit und Gegenwart didaktisch auf.

Schüler und Schülerinnen des August-Hermann-Francke-Gymnasium in Detmold.

Das „mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte“ geht auf eine Initiative des Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen zurück. Begleitet wird die Veröffentlichung der Unterrichtshilfe von einer Social-Media-Kampagne, die eine öffentliche Diskussion darüber anregen soll, die Wahrnehmung von Deutschen aus Russland in unserer Gesellschaft zu schärfen und Kenntnisse über die russlanddeutsche Geschichte zu vertiefen. Die Unterrichtshilfe ist im Internet unter http://mbook.schule kostenlos verfügbar.

Links zur Unterrichtshilfe mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte:

Wer Interesse hat, kann hier vorbeischauen: https://mbook.schule/digitale-schulbuecher/ und sofort anfangen, das mBook RD zu lesen und mit ihm zu arbeiten.

https://www.facebook.com/russlanddeutschekulturgeschichte/?hc_ref=PAGES_TIMELINE

Tutorials auf Youtube erklären, wie einzelne Kapitel des mBooks Russlanddeutsche Kulturgeschichte in einer Unterrichtspraxis genutzt werden können:

https://www.youtube.com/watch?v=UO2KJLe9goQ

Identität

Nicht Fisch, nicht Fleisch. Oder doch Gulasch?Mehrfache Zugehörigkeit(en) und multiple Identitäten

Alexandra Dornhof

„Erzähl doch bitte niemanden, dass du tatarische und usbekische Wurzeln hast. Das wirkt sich schlecht auf deine Leben aus“ „Warum denn nicht? Außerdem finden es viele ganz klasse, dass ich so einen guten schwarzen Tee aufsetzen kann und ihn in Pialkas serviere“, beruhige ich meine Mama. Meine Mama ist zur einen Hälfte Tatarin und zur anderen Usbekin. Ich weiß, dass sie mich nur beschützen möchte. Denn auch sie bekommt die Hetze auf muslimische Bürger mit.

Foto Vitalij Starkloff

Ständig muss man sich vor anderen rechtfertigen woher man kommt und wer man ist, habe ich das Gefühl. Und nein ich mag nicht meine tatarischen und usbekischen Wurzeln verbergen, nur weil die muslimischen Mitbürger so drangsaliert und alle über einen Kamm geschert werden. Warum werden wir so oft gezwungen unsere identitäre Vielfalt zu verbergen?  Mir ist klar, dass wir viele Menschen damit verwirren, wenn wir sagen, dass wir gebürtig aus Russland, Kasachstan oder einem anderen ehemaligen sowjetischen Land sind, jedoch Deutsche sind. „Ach, und übrigens mütterlicherseits sind alle Muslime.“, füge ich oftmals hinzu. Jedes Mal bin ich auf die Reaktion gespannt. Ich möchte ein wenig von meiner Perspektive auf diese Dinge erzählen. Vielleicht hat sich der ein oder andere auch schon so wie ich gefühlt.

Meine Mama erinnert mich regelmäßig daran, nicht auch noch meinen muslimischen Hintergrund zu erwähnen. Es langt ja schon, dass die Menschen nicht nachvollziehen können warum ich eine deutsche Staatsangehörigkeit als gebürtige Sibirierin besitze.  Jedoch möchte meine kulturelle Vielfalt nicht verbergen. Es soll hier kein Protest gegen meine Mama stattfinden, sondern gegen die langweilige Forderung sich ständig anpassen zu müssen.

Von außen betrachtet ist man weder Fisch, noch Fleisch. Aber es gibt doch noch ganz leckere Alternativen. Wie wäre es mit Gulasch? Jeder Bissen bietet etwas Neues. Die Frage nach der mehrfachen Zugehörigkeit ist sehr relevant, weil die Identitäten junger Migranten von Migrationsprozessen, Fremdzuschreibungen und Selbstzuschreibungen beeinflusst werden. Es ist kein Geheimnis, dass Deutsche aus Russland von mindestens zwei Kulturlandschaften umgeben sind, aus diesen konstruieren sie ihre Identitäten und Zugehörigkeiten. Ich mag dieses Gulasch. Und doch wird gleichzeitig versucht diese kulturelle Pluralität zu unterdrücken. Wir müssen nicht gut oder besser als andere Migranten integriert sein. Es hätte viel mehr Wert, wenn wir diese Vielfalt nach außen leben könnten. Die Deutschen aus Russland sind durch totalitäre Regime und ständige Unterdrückung vorbelastet. Aus diesem Grund neigen wir dazu uns unauffällig zu verhalten. Bis zum Fall „Lisa“ schien es so, als wären wir gar nicht mehr präsent. Für die Gesellschaft und für die Politik waren wir verschwunden. „Ein liegender Stein bewächst mit Moos.“ Das Moos hat uns zu gemütlich gemacht.

Foto Vitalij Starkloff

Meine Eltern hatten sich letztes Jahr wieder auf ihre lange Reise zum Ural aufgemacht. Auf diese Reise konnte ich leider nicht mitkommen. Somit habe ich meine Eltern darum gebeten mir schöne Pialatschki (Schüsselchen) und eine Tübiteika (Scheitelkäppchen) mitzubringen. Merken Sie etwas? Habe ich ein gestörtes Bild meiner Identität? Oder gar eine Identitätskrise? NEIN. (Nur so am Rande. Bei ihrem Besuch wurden meine nichts ahnenden Eltern des Öfteren mit dem Hitlergruß begrüßt. Vielleicht haben sie ja jetzt eine Identitätskrise, lol. Nehmen wir es mit Humor, dann bekommen wir die Möglichkeit uns Selbst besser zu verstehen.) Meine Identität ist wie ein Puzzle. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht dieses zu vervollständigen. Nun, manchmal zerbricht auch der ein oder andere Baustein. Das ist aber in Ordnung. In einem doch sehr kurzem Menschenleben sollte die Freiheit genutzt werden sich ständig neu zu erfinden. Da ist die Opferrolle fehl am Platz. Die Identität eines Menschen ist ein organischer Prozess. Lasst eure Kinder erfahren, verschweigt ihnen keine Informationen über die Familiengeschichte und zwingt sie nicht deutsch zu sein. Weigert euch bitte nicht mit ihnen auf Russisch zu sprechen. In den Mischehen der Deutschen aus Russland sollte der Kultur und Nationalität des nichtdeutschen Partners ebenfalls Aufmerksamkeit geschenkt werden.

„Es ist kein Nachteil ein Halblütler zu sein“, hatte mir eines Tages ein älterer russischer Jude mitgeteilt, dessen Vater ein Tatarin war. Wir können uns als Tänzer verstehen, die auch gerne mal ihren Tanzpartner wechseln. Manch ein Soziologe würde sagen, dass wir zwischen den Stühlen sitzen. Mir gefällt jedoch die Vorstellung eines Tanzes besser. Ich verrate euch jetzt etwas: ich tanze für mein Leben gern Bachata, obwohl ich auch sehr gerne zu Serdjutschka das Tanzbein schwinge. Junge Menschen sollten aus ihren vielfältigen Kulturlandschaften Ressourcen schöpfen und zwischen ihnen flexibel wechseln ohne sich für eine Kultur entscheiden zu müssen. Ein Drahtseiltanz könnte doch auch ganz spannend werden, meint ihr nicht auch?

Psychische Folgen jahrzehntelanger Verfolgung und Diskriminierung, individuell und gruppenspezifisch

Albina Baumann beschreibt in Ihrem Artikel sehr detailliert die Folgen von Verfolgung und die Verarbeitung der damit verbundenen Traumata. Die Deutschen aus Russland durchliefen bereits seit Ende des 19.Jahrhunderts eine dramatische Geschichte. Viele von Ihnen tragen diese Last bis heute. Ein Trauma kann die betroffene Person psychisch sowie physisch sehr stark belasten und sie im Alltag einschränken.

Die Traumaforschung begann in der Kriegspsychiatrie im I. Weltkrieg. Die Soldaten litten unter der sogenannten Kriegshysterie. Darauf folgten weitere Studien.

Falls du mehr über das Traumakonzept lesen möchtest klicke einfach folgenden Link an:

Psychische Folgen jahrzehntelanger Verfolgung und Diskriminierung,individuell und gruppenspezifisch

Quelle: Psychische Folgen jahrzehntelanger Verfolgung und Diskriminierung, individuell und gruppenspezifisch, LmDR-Broschüre DUNKLE JAHRE Zum Gedenken an die Opfer des „Großen Terrors“ und der Zwangsarbeitslager in der Sowjetunion.

Albina Baumann