Identität

Nicht Fisch, nicht Fleisch. Oder doch Gulasch?Mehrfache Zugehörigkeit(en) und multiple Identitäten

Alexandra Dornhof

„Erzähl doch bitte niemanden, dass du tatarische und usbekische Wurzeln hast. Das wirkt sich schlecht auf deine Leben aus“ „Warum denn nicht? Außerdem finden es viele ganz klasse, dass ich so einen guten schwarzen Tee aufsetzen kann und ihn in Pialkas serviere“, beruhige ich meine Mama. Meine Mama ist zur einen Hälfte Tatarin und zur anderen Usbekin. Ich weiß, dass sie mich nur beschützen möchte. Denn auch sie bekommt die Hetze auf muslimische Bürger mit.

Foto Vitalij Starkloff

Ständig muss man sich vor anderen rechtfertigen woher man kommt und wer man ist, habe ich das Gefühl. Und nein ich mag nicht meine tatarischen und usbekischen Wurzeln verbergen, nur weil die muslimischen Mitbürger so drangsaliert und alle über einen Kamm geschert werden. Warum werden wir so oft gezwungen unsere identitäre Vielfalt zu verbergen?  Mir ist klar, dass wir viele Menschen damit verwirren, wenn wir sagen, dass wir gebürtig aus Russland, Kasachstan oder einem anderen ehemaligen sowjetischen Land sind, jedoch Deutsche sind. „Ach, und übrigens mütterlicherseits sind alle Muslime.“, füge ich oftmals hinzu. Jedes Mal bin ich auf die Reaktion gespannt. Ich möchte ein wenig von meiner Perspektive auf diese Dinge erzählen. Vielleicht hat sich der ein oder andere auch schon so wie ich gefühlt.

Meine Mama erinnert mich regelmäßig daran, nicht auch noch meinen muslimischen Hintergrund zu erwähnen. Es langt ja schon, dass die Menschen nicht nachvollziehen können warum ich eine deutsche Staatsangehörigkeit als gebürtige Sibirierin besitze.  Jedoch möchte meine kulturelle Vielfalt nicht verbergen. Es soll hier kein Protest gegen meine Mama stattfinden, sondern gegen die langweilige Forderung sich ständig anpassen zu müssen.

Von außen betrachtet ist man weder Fisch, noch Fleisch. Aber es gibt doch noch ganz leckere Alternativen. Wie wäre es mit Gulasch? Jeder Bissen bietet etwas Neues. Die Frage nach der mehrfachen Zugehörigkeit ist sehr relevant, weil die Identitäten junger Migranten von Migrationsprozessen, Fremdzuschreibungen und Selbstzuschreibungen beeinflusst werden. Es ist kein Geheimnis, dass Deutsche aus Russland von mindestens zwei Kulturlandschaften umgeben sind, aus diesen konstruieren sie ihre Identitäten und Zugehörigkeiten. Ich mag dieses Gulasch. Und doch wird gleichzeitig versucht diese kulturelle Pluralität zu unterdrücken. Wir müssen nicht gut oder besser als andere Migranten integriert sein. Es hätte viel mehr Wert, wenn wir diese Vielfalt nach außen leben könnten. Die Deutschen aus Russland sind durch totalitäre Regime und ständige Unterdrückung vorbelastet. Aus diesem Grund neigen wir dazu uns unauffällig zu verhalten. Bis zum Fall „Lisa“ schien es so, als wären wir gar nicht mehr präsent. Für die Gesellschaft und für die Politik waren wir verschwunden. „Ein liegender Stein bewächst mit Moos.“ Das Moos hat uns zu gemütlich gemacht.

Foto Vitalij Starkloff

Meine Eltern hatten sich letztes Jahr wieder auf ihre lange Reise zum Ural aufgemacht. Auf diese Reise konnte ich leider nicht mitkommen. Somit habe ich meine Eltern darum gebeten mir schöne Pialatschki (Schüsselchen) und eine Tübiteika (Scheitelkäppchen) mitzubringen. Merken Sie etwas? Habe ich ein gestörtes Bild meiner Identität? Oder gar eine Identitätskrise? NEIN. (Nur so am Rande. Bei ihrem Besuch wurden meine nichts ahnenden Eltern des Öfteren mit dem Hitlergruß begrüßt. Vielleicht haben sie ja jetzt eine Identitätskrise, lol. Nehmen wir es mit Humor, dann bekommen wir die Möglichkeit uns Selbst besser zu verstehen.) Meine Identität ist wie ein Puzzle. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht dieses zu vervollständigen. Nun, manchmal zerbricht auch der ein oder andere Baustein. Das ist aber in Ordnung. In einem doch sehr kurzem Menschenleben sollte die Freiheit genutzt werden sich ständig neu zu erfinden. Da ist die Opferrolle fehl am Platz. Die Identität eines Menschen ist ein organischer Prozess. Lasst eure Kinder erfahren, verschweigt ihnen keine Informationen über die Familiengeschichte und zwingt sie nicht deutsch zu sein. Weigert euch bitte nicht mit ihnen auf Russisch zu sprechen. In den Mischehen der Deutschen aus Russland sollte der Kultur und Nationalität des nichtdeutschen Partners ebenfalls Aufmerksamkeit geschenkt werden.

„Es ist kein Nachteil ein Halblütler zu sein“, hatte mir eines Tages ein älterer russischer Jude mitgeteilt, dessen Vater ein Tatarin war. Wir können uns als Tänzer verstehen, die auch gerne mal ihren Tanzpartner wechseln. Manch ein Soziologe würde sagen, dass wir zwischen den Stühlen sitzen. Mir gefällt jedoch die Vorstellung eines Tanzes besser. Ich verrate euch jetzt etwas: ich tanze für mein Leben gern Bachata, obwohl ich auch sehr gerne zu Serdjutschka das Tanzbein schwinge. Junge Menschen sollten aus ihren vielfältigen Kulturlandschaften Ressourcen schöpfen und zwischen ihnen flexibel wechseln ohne sich für eine Kultur entscheiden zu müssen. Ein Drahtseiltanz könnte doch auch ganz spannend werden, meint ihr nicht auch?

Psychische Folgen jahrzehntelanger Verfolgung und Diskriminierung, individuell und gruppenspezifisch

Albina Baumann beschreibt in Ihrem Artikel sehr detailliert die Folgen von Verfolgung und die Verarbeitung der damit verbundenen Traumata. Die Deutschen aus Russland durchliefen bereits seit Ende des 19.Jahrhunderts eine dramatische Geschichte. Viele von Ihnen tragen diese Last bis heute. Ein Trauma kann die betroffene Person psychisch sowie physisch sehr stark belasten und sie im Alltag einschränken.

Die Traumaforschung begann in der Kriegspsychiatrie im I. Weltkrieg. Die Soldaten litten unter der sogenannten Kriegshysterie. Darauf folgten weitere Studien.

Falls du mehr über das Traumakonzept lesen möchtest klicke einfach folgenden Link an:

Psychische Folgen jahrzehntelanger Verfolgung und Diskriminierung,individuell und gruppenspezifisch

Quelle: Psychische Folgen jahrzehntelanger Verfolgung und Diskriminierung, individuell und gruppenspezifisch, LmDR-Broschüre DUNKLE JAHRE Zum Gedenken an die Opfer des „Großen Terrors“ und der Zwangsarbeitslager in der Sowjetunion.

Albina Baumann