Russlanddeutsche Organisationen im transnationalen sozialen Raum

Russlanddeutsche Organisationen im transnationalen sozialen Raum

Forschungsarbeit im Rahmen eines Seminars am Fachbereich der Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt

Die Forschungsarbeit wurde von Andrej Geldt verfasst. Ein aufstrebender junger Deutscher aus Russland.

 

Die russlanddeutsche Community steht aktuell vor allem aufgrund der ihr unterstellten politischen Orientierung im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Auch die Thematik der Identität oder des subjektiven Zugehörigkeitsgefühl wird immer wieder in Bezug auf Russlanddeutsche thematisiert.

Unabhängig von der Frage, ob sich die politische Gesinnung oder die kulturelle Identität bei solch einer großen und heterogenen Gemeinschaft generalisieren lassen, ist vor allem die organisationale Ebene der russlanddeutschen Gemeinschaft, sowie deren transnationale Reichweite kaum vertreten im öffentlichen Diskurs, so auch nicht in der wissenschaftlichen Literatur.

Im folgenden Forschungsbericht werden Fragen behandelt, wie russlanddeutsche Organisationen in Zeiten von Globalisierung agieren, welche Schwerpunkte sie bei ihrer Tätigkeit setzen, welche Rolle sie bei der Identitätsstiftung der Russlanddeutschen spielen, wie und ob diese transnational vernetzt sind und nicht zuletzt wird die Frage nach ihrer Relevanz und  auf politischer Ebene und ihre Verbindungen zur Politik im Allgemeinen erörtert. Die eben erwähnten Merkmale sind charakteristisch für einen so genannten transnationalen sozialen Raum – ein soziologisches Konzept, welches das Soziale unter Bedingungen von Migration, Globalisierung und Transnationalisierung zu fassen versucht. Dabei handelt es sich um einen sozialen Raum, welcher territorial unbestimmt ist und durch sozialen Praktiken der Gemeinschaft, durch Mobilität, Austauschprozesse und ein diffuses Zusammengehörigkeitsgefühl auf verschiedenen Ebenen prozesshaft hergestellt und ausgehandelt wird.  Dabei lautet meine Hauptfrage, ob und wenn ja, inwiefern russlanddeutsche Organisationen zur Schaffung eines solchen transnationalen sozialen Raumes beitragen.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts deuten auf eine große interne Differenzierung und Heterogenisierung innerhalb der russlanddeutschen Community hin, sowohl im Hinblick auf die organisationale Ebene, als auch hinsichtlich der Tendenzen unter den Mitgliedern dieser Gemeinschaft. Während die russlanddeutschen Organisationen sowohl in Deutschland, als auch in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion breit aufgestellt sind und ein dichtes Netz von Unterorganisationen aufgebaut haben, gibt es deutliche Unterschiede bei der Zielsetzung. Während Organisationen aus der ehemaligen Sowjetunion (in meinem Fall zwei Organisationen aus Russland) sich eher auf die Pflege der russlanddeutschen Kultur und Sprache, die Informations- und Aufklärungsarbeit, sowie die Planung von Austauschprogrammen fokussieren, konzentrieren sich Organisationen in Deutschland eher auf Themen wie nachholende Integration und Beratung von Aussiedlern, sowie um Rechtsfragen rund um den Zuzug von Spätaussiedlern. Auffällig ist dabei, dass Aufgabengebiete von Organisationen in Russland sehr breit aufgestellt sind und sich nicht ausschließlich auf den russlanddeutschen Kontext beschränken. Die Unterschiede lassen sich jedoch auch durch unterschiedliche Schwerpunkte der Community und die damit verbundenen Herausforderungen erklären.

Hinsichtlich der Schaffung einer kollektiven Identität ließen sich ebenfalls unterschiedliche Entwicklungen feststellen. Neben der Kritik an solch einem essentialistischen Begriff wie „geteilte Identität“, welche im Bericht geübt wurde, konnte die Tendenz zur Ausbildung einer so genannten „hybriden Identität“ festgestellt werden. Diese wird im Detail mit dem soziologischen Konzept der kulturellen Hybridität plausibilisiert und dadurch unterstützt. Diese Theorie betont vor allem eine parallele Koexistenz von verschiedenen kulturellen Einstellungen und die Kombination von verschiedenen ethnischen und kulturellen Zugehörigkeiten in einer Identität. Dieselbe Auffassung wird in den Interviews als eine Art Bewältigungsmechanismus für die vorangegangene Identitätskrise dargestellt, welche viele Russlanddeutsche vor allem nach der Aussiedlung erleben. Gemeint ist hierbei die Kollision des Selbstverständnisses vieler Spätaussiedler mit der Fremdwahrnehmung durch die Bundesdeutschen, welche unter anderem zu Debatten über unterschiedliche Auffassungen des „Deutschseins“ vor allem im Kontext der russlanddeutschen Gemeinschaft in der letzten Zeit geführt hat.

Parallel zur hybriden Identität konnte eine Abwendung vieler ethnischer Deutscher in Russland von der subjektiven russlanddeutschen Zugehörigkeit konstatiert werden. Bedingt durch eine immer höhere Anzahl an gemischten Ehen, den Relevanzverlust der kulturellen Güter wie der deutschen Sprache innerhalb der Gemeinschaft und eine immer stärkere Identifikation und Einbettung in der russischen Gesellschaft, entwickeln viele ethnische Deutsche in Russland ein subjektives Zugehörigkeitsgefühl, welches sich viel eher auf ihr Heimatland richtet, als auf eine mittlerweile für viele diffuse, gemeinsame, russlanddeutsche Vergangenheit. Vor allem dieser Befund macht es sehr schwer, von einer homogenen, transnationalen russlanddeutschen Community auszugehen und legt die Überlegung nahe, dass sich diese Gemeinschaft hinsichtlich ihres ethnischen Zugehörigkeitsgefühls immer weiter diversifiziert. Der Begriff einer kollektiven Identität wird in diesem Zusammenhang noch einmal auf Grund seines essentialistischen Kerns problematisiert. Was jedoch vonseiten der Organisationen festgestellt werden konnte, sind die immerwährenden Bemühungen, das Zusammengehörigkeitsgefühl der russlanddeutschen Gemeinschaft durch verschiedene Projekte und Angebote zu stärken, sowie das kulturelle Gut der Russlanddeutschen im kollektiven Bewusstsein zu halten.

Bezüglich der Transnationalisierung der Netzwerke russlanddeutscher Organisationen zeigen die Ergebnisse eine intensive Zusammenarbeit der Organisationen auch auf internationaler Ebene. Diese wird unter anderem durch gemeinsame Projekte befördert und sogar von politischer Seite finanziell unterstützt. Anzumerken ist hierbei, dass vor allem russische Organisationen sich nicht ausschließlich auf den russlanddeutschen Kontext zu begrenzen scheinen, sondern auch viele soziale Projekte oder Bildungsprojekte mit Organisationen durchführen, welche keine Berührungspunkte mit der Community haben. Dies führt zu einer Vergrößerung des transnationalen Netzwerks und einer breiter angelegten Organisationsarbeit im Allgemeinen. Dieser Befund steht im Konflikt mit Studien, die das Netzwerkverhalten von Einzelpersonen russlanddeutscher Herkunft analysiert haben. Hierbei scheinen vor allem Verbindung zu Personen aus dem unmittelbaren familiären Umfeld oder Personen der gleichen ethnischen Zugehörigkeit die dominierende Rolle zu spielen.

Wie bereits angedeutet, pflegen die untersuchten Organisationen enge Kontakte zu Vertretern aus der Politik auf kommunaler und auf höheren politischen Ebenen. Russlanddeutsche Angelegenheiten sind in Deutschland durch entsprechende Ausschüsse und Komitees sehr gut repräsentiert. Auch in Russland gab es bis vor einigen Jahren eine eigene staatliche Förderung der russlanddeutschen Minderheit, was den politischen Stellenwert dieser Volksgruppe unterstreicht. Die Organisationen selbst können jedoch durch ihre vielfältigen Kontakte und ihre breit aufgestellte Öffentlichkeitsarbeit als politische Akteure dienen, welche die Interessen der russlanddeutschen Gemeinschaft vertreten.

Alles in allem konnte anhand der oben ausgeführten Kategorien gezeigt werden, dass die untersuchten Organisationen Bedingungen für die Schaffung eines transnationalen sozialen Raumes ermöglichen, wobei in diesem Zusammenhang mögliche Hürden wie beispielsweise die fehlende Homogenität der Community und die teilweise restriktiven, bürokratischen Einreisegesetze für Spätaussiedler kritisch angemerkt wurden. Die Konzeptualisierung der russlanddeutschen Gemeinschaft als einer Gruppe, welche transnationale soziale Räume schafft, könnte darüber hinaus ein alternatives Verständnis von Integration, Migration, Kultur und Identität als Konsequenzen mit sich führen. Diese Begriffe könnten Mithilfe des vorgestellten Konzepts weniger essentialistisch sondern prozesshaft gedacht werden, was zu deren Differenzierung und Flexibilisierung beitragen würde.

Abschließend sollten die Einschränkungen des Forschungsprojektes und der dazugehörigen Ergebnisse erwähnt werden. Es handelte sich hierbei um eine geringe Anzahl an Organisationen in Deutschland und in Russland, was durch das studentische Format des Projektes bedingt ist. Zudem sollten die organisationale Ebene, die enge Formulierung der Forschungsfrage und die Auswahl der Methode beachtet werden, sodass die Ergebnisse nur unter Berücksichtigung dieser Faktoren gelten. Russlanddeutsche gehören zu einer großen Volksgruppe, welche auch in anderen Ländern als Minderheit vertreten ist. Deren Mitglieder sind, zusätzlich zu dem hier besonders betonten ethnischen Kontext, selbstverständlich vielen anderen gesellschaftlichen Einflussfaktoren unterworfen. Da insbesondere transnationale Praktiken dieser Gemeinschaft wissenschaftlich wenig untersucht sind, gäbe es hierbei zukünftig besonderen Forschungsbedarf.

Zum vollständigen Forschungsbericht in Englischer Sprache hier.

Andrej Geldt